
Nach umständlichen Vorreden und abschweifenden Ausführungen soll heute unsere Aufmerksamkeit dem Lob der Uniform gelten. Doch halt: Uniform, ist das nicht etwas Verwerfliches, was den Einzelnen seiner Individualität beraubt, etwas, das ihn zum austauschbaren Objekt macht, wo es doch Subjekt sein sollte?
Weit gefehlt, denn was gemeinhin als Individualität verstanden wird, ist ohnehin bloße Äußerlichkeit, nicht dagegen echte charakterliche Eigenart. Viel zu billig ist es, sich mit Merkmalen wie Schmuck, Frisur, Tätowierungen und – horribile dictu – Piercings den Anschein von Individualität zu geben. Viel zu einfach ist es, durch farbliche Akzente, eigenwillige Schnitte und modische Varianten einer an sich uniform gemeinten Kleidung etwas vermeintlich Individuelles zu geben, was am Ende lediglich Auskunft über die Beeinflussbarkeit des Einzelnen durch eine hocheffiziente Industrie gibt.
Wahre Individualität wird gerade und erst in der Uniform deutlich. Denn sie schaltet die Möglichkeit aus, sich nach eigenem Gusto über banale Äußerlichkeit zu differenzieren. Sie bringt alle auf dasselbe Ausgangsniveau, von dem aus man sich, im Rahmen strenger Vorgaben, weiterentwickeln kann, von wo aus man sich in einer Weise hervortun kann, die tatsächlich spezifische Leistung widerspiegelt. Denn es wäre naiv zu glauben, die Uniform schalte zwangsläufig alle gleich, verleugne gerade das Persönliche, mache den Einzelnen zur Verfügungsmasse.
Das Gegenteil ist – idealerweise - der Fall: Die Uniform macht einen zu dem unbeschriebenen Blatt, als das jeder – unabhängig von Herkunft, Bildung und Vermögen – zu beginnen hat. Umgeben von äußerlich einem selbst Gleichenden, liegt es nun am Einzelnen, sich nach von Dritten festgelegten Kriterien zu differenzieren. Hierzu genügt es nicht, sich äußerlich nach Lust und Laune anders zu geben, sondern umgekehrt wird die den Durchschnitt übersteigende Leistung zur Voraussetzung, sich auch im Erscheinungsbild auszeichnen zu dürfen. Die Uniform ist - so verstanden - nämlich gar nicht uniform, sondern lediglich die einheitliche Grundlage (meist mit einem Mindestanspruch an angemessener Ausstrahlung), auf der man individuelle Fähigkeiten und Verdienste deutlich machen kann.
Der Frontkämpfer, der sich im Nahkampf furchtlos gezeigt hat, kann dies ebenso durch entsprechende, markante Auszeichnungen kundtun wie der Offizier, dessen mühselig erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten im feineren Tuch seiner Uniform, den Schulterklappen, Stiefeln und einem insgesamt repräsentativeren Habitus deutlich werden. Der mannigfaltigen Gefahren ausgesetzte Flieger wird sich – selbst bei niederem Dienstrang - selbstverständlich vom bequemen Luftwaffen-Versorgungsoffizier unterscheiden, der zwar formell den höheren Rang hat, aber im Ansehen der Menge den kürzeren zieht, dafür sorgen schon die Schwingen auf den Kragenspiegeln des Fliegers.
Uniform zu tragen bedeutet dann gerade nicht, austauschbar zu werden, sondern sich einem anspruchsvollen und hochdifferenzierten Konzept zu unterwerfen, das persönliche - und zugleich allgemein anerkannte - Qualitäten auf genau bestimmte Weise augenfällig werden lässt. Es obliegt dann nicht dem Einzelnen, sich selbst zu beurteilen – weil sich jeder im Zweifelsfall für großartig hält - sondern es ist dem Umfeld, in dem sich der Einzelne zu bewähren hat, zu überlassen, die individuelle Leistung anzuerkennen.
Der Kenner eines solchen Systems weiß auf einen Blick, was er von einem ihm fremden Gegenüber erwarten kann, das eine Uniform mit bestimmten individuellen Merkmalen trägt. So steht die feldgraue Uniform für den Heeressoldaten, das feine Tuch, die silbernen Knöpfe und die Silberlitze um die Schulterklappen weisen auf den Offiziersrang hin, das Eiserne Kreuz, das Infanteriesturmabzeichen und das Verwundetenabzeichen stehen für Führung und Bewährung im harten direkten Einsatz zusammen mit den Mannschaftsdienstgraden. Mit so einem ist fast alles möglich, wohingegen der Träger der makellosen blauen Luftwaffenuniform ohne weitere Differenzierungen selbst bei hohem Dienstgrad eher zur Skepsis Anlass gibt.
Ganz anders dagegen sein formal Untergebener, der mit selbstbeschaffter Lederjacke und Ritterkreuz um den Hals sofort erkennen lässt, dass er der Jagdfliegerelite angehört, der man unausgesprochen viel Gestaltungsspielraum lässt. Denn wer im Einsatz als absoluter Könner mit ganz eigenem Stil erfolgreich ist, der soll dies auch dann zeigen dürfen, wenn eigentlich formal korrektes Auftreten gefragt ist.
Und damit wären wir bei jenem Phänomen, von dem schon an anderer Stelle kurz die Rede war, der offiziell geduldeten Freizügigkeit im Auftreten der deutschen Kampfflieger des 2. Weltkriegs. Hier wird deutlich, zu welcher Verfeinerung das Uniform-Konzept getrieben werden kann, wenn es intellektuell durchdrungen wird und nicht im Sinne Maos als Vorschrift zur Auslöschung jedweder Invidualität verstanden wird. Die besten Piloten der deutschen Luftwaffe mussten natürlich bestimmte Vorgaben einhalten, was die Zugehörigkeit zur Truppengattung und die Erkennbarkeit des Dienstgrads betraf. Aber ihnen wurde, ohne dass es eine entsprechende Vorschrift gab, zugestanden, Teile ihrer Uniform nach eigenem Gusto zu gestalten und das betraf vor allem die Fliegerjacken. Diese wurden ausschließlich privat beschafft, sie orientierten sich an sportlichen Schnitten, wie man sie von Motorradfahrern der Vorkriegszeit kannte, sie waren also kurz gehalten, lagen eng an, was im Cockpit von Vorteil war, aber im Detail war jede ein Einzelstück.
Und wer es fertigbrachte, einen Gegner zur Landung zu zwingen und ihn persönlich gefangenzunehmen, der sicherte sich kurzerhand die A-2 Lederjacke des unterlegenen US-Piloten oder die Irvin-Jacke des britischen Jagdfliegers und trug sie fortan - mit deutschen Dienstgradabzeichen im Einsatz. Und so sieht man auf Fotos deutscher Luftwaffenasse der Kriegszeit ein buntes Sammelsurium an individuellen Jacken, so wie auch die Maschinen hochgradig individualisiert waren. Während die Royal Air Force und die USAAF im Krieg einheitliche Jacken an Jagdflieger und Bomberpersonal ausgaben, stilistisch eher mäßig gelungene Massenware, die bis heute bis merkwürdigerweise begeistert kopiert wird, trug ausgerechnet die Elite der deutschen Luftwaffe durchweg Einzelstücke, die ein entsprechend ausgeprägtes Stilgefühl und Selbstbewusstsein erkennen lassen.
Was man davon lernen kann? Nun vor allem eines: Individualität zu zeigen muss nicht heißen, zwanghaft alles anders zu machen, vor allem dann nicht, wenn man nicht die Persönlichkeit und das Charisma hat, die solches überzeugend wirken lässt. Individualität zu zeigen setzt zunächst voraus, die eigenen Qualitäten realistisch einzuschätzen - dazu bedarf es der Anerkennung Dritter - und sich dann angemessen - durchaus subtil - erkennbar abzuheben. Wer kein As ist, sollte sich auch nicht als solches zu verkaufen suchen. Ein noch so bewährter Transportflieger hätte sich im Krieg lächerlich gemacht, wenn er eine lederne Motorradjacke wie die Elite der Jagdflieger getragen hätte, ebenso wie sich heute der Abteilungsleiter lächerlich macht, der sich kleidet wie ein Geschäftsführer. Übrigens machen sich auch die meisten Geschäftsführer lächerlich, wenn sie sich als solche kleiden, anstatt dass sie ihren herausgehobenen Status dazu nutzen, eine angemessene und stilsichere Exzentrizität an den Tag zu legen.
Das wussten die Jagdflieger von einst besser, sie kämpften zwar auf verlorenem Posten und für das falsche System, aber sie taten es stets mit höchstem persönlichen Einsatz, meist mit Anstand und sehr oft mit Stil. Die Überflieger von heute lassen letzteres oft genug vermissen, und das System, in dem sie tätig sind, ist für sie leider oft genug auch nur die Folie, auf die sie hoffen, ihren belanglosen Lebenslauf mit Permanentmarker schreiben zu können. Zum Glück gelingt es den meisten nicht, ihre Spuren sind schnell wieder verwischt.
Und daher sind die Weltkriegs-Piloten mit Format wie Adolf Galland, Hans-Joachim Marseille oder Heinz-Werner Schnaufer, die einer absoluten Elite angehörten und sich dafür die Freiheit nahmen, den offiziellen Dresscode ein klein wenig anders zu interpretieren, daher sind solche Charaktere auch heute noch Idole und Stilikonen, während die selbsternannten Heroen unseres Alltags rasch dem verdienten Vergessen anheim fallen und es nicht einmal – wie andere Schauspieler - zuwege bringen, dass man ein After-Shave nach ihnen benennt…