Mittwoch, 28. Mai 2008

Rätselhafte Schönheit

Das Thema Kleidung ist gewiss nicht das Einzige, das sich als Studienobjekt für stilbewusste Zeitgenossen eignet. So wie Kleidung ein vielsagender Teil des Erscheinungsbildes von Individuen zu sein vermag, so kann auch die sichtbare Hülle anderer Bestandteile unserer dinglichen Welt ein lohnender Gegenstand oberflächlicher und zugleich tiefgehender Betrachtung sein. Beispielsweise verraten Bauten zu allen Zeiten einiges über die Fähigkeit ihrer Schöpfer, eine Botschaft an die Außenwelt zu transportieren, die weitgehend frei von modischen Verirrungen ist.

Eine solche Botschaft vermittelt der oben abgebildete Bau in vorbildlicher Weise. Sowohl Grundriss als auch Aufriss sind von großer Klarheit, ohne langweilig zu sein. Selbst spätere Anbauten fügen sich organisch in das Ganze ein, lassen dieses sogar noch deutlicher erkennen. Kleine Unregelmäßigkeiten in den Maßen und der Abwechslungsreichtum der verwendeten Materialien sorgen bei aller Zurückgenommenheit der Form, ja Schmucklosigkeit, für die Spannung und das Leben, das stilvolle Architektur zu allen Zeiten ausmacht.

Wer könnte so etwas geschaffen haben? Oder vielmehr: in welcher Zeit und an welchem Ort könnte so etwas entstanden sein? Die Antwort ist überraschend und führt in eine Region und eine Zeit, in der man solches nicht erwartet. Vollendeter Stil ist jedoch etwas Universelles, daher ist er überall und zu allen Zeiten möglich, wenn sich dazu begabten Menschen die Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Die Kultur, die das obige hervorragende Beispiel ermöglicht hat, ist nicht zufällig eine, die sich durch Aneignung und sanfte Veränderung des Besten auszeichnete, was sie dort vorfand, wo sie sich nach langem Irren festgesetzt und ausgebreitet hat. Welche Kultur es ist, das wird im nächsten Beitrag beleuchtet, wenn es nicht bereits aus den Hinweisen an diesem Ort offenbar wird...

Montag, 28. April 2008


Das Uniform-Konzept als Ausweg aus dem täglichen Bekleidungs-Elend, das schien mir bis vor kurzem ein vielversprechender Ansatz. Nun überkommen mich doch Zweifel. Denn aus meinen Studien ist mir leider nur zu gegenwärtig, dass es auch der straffsten Organisation nicht dauerhaft gelingt, den sich unweigerlich aufkommenden Verwässerungstendenzen Einhalt zu gebieten.

Ich muss an dieser Stelle wieder einmal historisch argumentieren, denn die Historie besitzt mehr Evidenz als jede noch so brilliante theoretische Herleitung. Bereits erwähnt habe ich die Freiheiten, die im 2. Weltkrieg charismatischen Persönlichkeiten ausgerechnet auf deutscher Seite von der Obrigkeit gewährt wurden, was die persönliche Variation des offiziellen Uniformkanons anging. Diese hatte ich voreilig als individuelle Chance zur gestalterischen Freiheit innerhalb eines wohlbegründeten kollektiven Kodex interpretiert. Doch nun fallen mir auch die Beispiele ein, die die langfristige Überlegenheit der anarchistischen Kräfte belegen, die jeder noch so durchdachten Kleiderordnung – und vermutlich jeder ästhetisch begündeten Ordnung - letztlich den Garaus machen.

Hierzu muss man keineswegs die von teutonischen Ordnungsfanatikern vielgeschmähten amerikanischen GIs bemühen, die vom ersten Einsatz auf europäischem Boden (Landung in Sizilien, Juli 1943) durch betont lässige Kleidung und Haltung auffielen. Denn man findet auf vielen Fotografien auf deutscher Seite spätestens ab 1944 reichlich Beispiele für eine Auflösung des bis dato weitgehend einheitlichen Erscheinungsbildes der Truppe, die einerseits Versorgungsengpässe (alte Uniformtypen wurden aufgetragen), andererseits aber den Willen zur Selbstbehauptung oder zumindest Selbstdarstellung in einem innerlich bereits abgeschriebenen System dokumentieren. Da stehen neben der einheitlich und vorschriftsmäßig in hochmodernen Flecktarn-Overalls gekleideten Besatzung eines TIGER-Panzers einer SS-Elite-Division allerlei bunt gekleidete und teilnahmslos dreinschauende Vertreter der Wehrmacht, die eher Räuberzivil tragen als Uniformen. Hat der eine noch den opulenten, auf die Kaiserzeit zurückgehenden Mantel mit doppelter Knopfleiste übergeworfen, trägt der andere zur Uniformhose nur noch eine kurze, im Heer völlig unübliche lederne Fliegerjacke aus englischen Beständen, wieder ein anderer ist im neuesten, materialsparenden Uniformschnitt (Blouson statt taillierter Feldjacke) gekleidet und trägt ein schrägsitzendes Schiffchen, unter dem üppiger Haarwuchs hervorlugt. Alle sind mehr oder weniger Soldaten im Dienst desselben Apparats, doch ihre Kleidung spricht Bände über ihre Einstellung, und die Autorität eines in Selbstauflösung befindlichen Staats reicht nicht mehr aus, die zunehmenden Zentrifugalkräfte einzudämmen.

Das Fazit? Am Ende kommt es doch auf die Haltung an, letztlich zählt doch die innere Überzeugung, die sich im Äußeren mitteilt, ob dieses offiziell gewollt ist oder nicht. Möglicherweise muss ein geschwächtes, aber noch über gewisse Machtmittel verfügendes System seinen zunehmend halbherzig agierenden Vertretern dergleichen Gestaltungsspielräume zubilligen, um sich für eine gewisse Zeit ihre Loyalität zu sichern.

Trifft der Umkehrschluss zu, gelangt man zu dem erschreckenden Befund, dass Institutionen mit nur noch lax gehandhabten und von anarchistischen Kräften unterminierten Verhaltensvorschriften dem Untergang geweiht sind. Die subversiven Kräfte, die den Uniformgedanken aushöhlen, ohne dass es dazu einer Verabredung oder gar einer Verschwörung bedarf, sprechen dann Bände über den inneren Zusammenhalt, sprechen eine deutliche Sprache dahingehend, wie es um die Identifikation mit dem System bestellt ist, für das dessen Vertreter formal tätig sind.

Einen Vorteil hat dieses an sich beklagenswerte Phänomen jedoch: Es lässt deutlich erkennen, wer über die Motivation, den Durchhaltewillen und das Überlegenheitsgefühl verfügt, ohne den jede im Wettbewerb mit anderen stehende Organisation dem Untergang geweiht ist. Und deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen, und deshalb ist Kleidung im Berufsalltag (der ja nur die Fortsetzung des Krieges mit subtileren Mitteln ist) nicht irrelevant.

Dem kraftvollen, energiegeladenen, als Vorbild und Autorität geeigneten Einzelnen sieht man es im Äußeren an - selbst wenn er besiegt ist, ist seine Haltung, sein Blick nicht die eines Geschlagenen. In Momenten wie diesen zeigt sich, ob die Person in Uniform dem Herrschaftsanspruch, den diese verkörpern soll, auch tatsächlich gerecht wird. Und in diesem Moment wird die Uniform überflüssig. Das ist die Botschaft des Bildes, das der sonst maßlos überschätzte Fotograf Frank Capa wohl im Herbst 1944 irgendwo in Frankreich aufgenommen hat, vielleicht seines besten Bildes, weil es seinen Ausdruck nicht dem glücklichen Moment, dem gelungenen technischen Aufbau oder Ausschnitt, sondern ganz der Ausstrahlung des Menschen verdankt, das es zeigt. Ein zweiter Blick, oder besser: ein Klick auf das Bild links oben lohnt sich. Dieser Offizier hat auch nach der Gefangenschaft seinen Weg gewiss gemacht...

Montag, 31. März 2008

Apologie der Uniform (Teil 3)

Fassen wir das bisher Gesagte zusammen: Uniformen müssen nicht monoton sein und Uniformen müssen nicht unvorteilhaft sein, ganz im Gegenteil! Und was schließen wir daraus? Uniformen sind für alle Schwankenden, Unsicheren, Ungebildeten die Endlösung der täglichen Bekleidungsfrage!

Was wäre gewonnen, wenn alle diejenigen, die ganz offensichtlich keinerlei Kenntnis von den beglückenden Möglichkeiten bewusster Kleidungswahl haben, einfach zu einer gut geschnittenen Uniform griffen, in der sie nicht nur gut aussehen, sondern sich nach einem klaren Kodex differenzieren könnten!

Wie könnte so etwas heute aussehen? Nun ganz einfach: Ausgangspunkt wäre ein einheitlicher Schnitt, etwa wie folgt: Einreiher aus schwarzer oder grauer Schurwolle (blau bleibt Fahrkartenkontrolleuren und anderen Kleingeistern, z.B. Wirtschaftsprüfern, vorbehalten), mit zwei bis drei Knöpfen, leicht tailliert zugeschnitten, in der Grundausführung mit nur einem Schlitz am Rückenteil, zwei Taschen (selbstverständlich ohne Funktion, sonst wird alles mit auftragenden Dingen vollgestopft), einer Brusttasche links, einer knapp bemessenen Innentasche rechts mit Platz für die nötigsten Papiere, die Hose ohne Bundfalte und ohne Umschlag (wem das nicht passt, der wird abnehmen müssen).

Getragen wird dazu immer ein schneeweißes Hemd und eine schwarze Krawatte, zumindest solange man keine besonderen Verdienste vorweisen kann – und auch dann werden rosafarbene oder blaue Varianten, kombiniert mit Krawatten irgendeiner Couleur außerhalb jeder Diskussion stehen. Niemand kann mit diesem Erscheinungsbild unzufrieden sein, vor allem nicht der Betrachter solchermaßen gekleideter Individuen, wenn ihm gegenwärtig ist, wie sich selbige ohne entsprechend rigide Vorschriften her- oder hinzurichten pflegen…

Gelingt es nun aber jemandem, sich vor allen anderen auszuzeichnen, dann wird dies unmittelbare Auswirkung auf den Grad erlaubter Verfeinerung seines Erscheinungsbilds haben. Denkbar sind beispielsweise Abstufungen wie Knöpfe aus echtem Horn, zwei Rückenschlitze statt nur einem, erkennbar feinere Materialien mit fließender Optik, raffinierter geschnittene Anzugjacken nach Maß mit abgerundeten Schultern, weichere Fütterung mit Rosshaar anstelle geklebter Innereien usw.

Kombiniert werden darf das Ganze zwar weiterhin nur mit weißen Hemden, diese sind aber je nach Verdienst mit Doppelmanschetten versehen. Die hierfür geeigneten Manschettenknöpfe verdienen eine eigene Abhandlung, denn auch hier führt wohlwollendes „Laissez-Faire“ mit erschreckender Zwangsläufigkeit zu ungeheueren Entgleisungen. Weitere Distinktion erlauben dezent gepunktete Krawatten, später dann markant gestreifte, zunächst mit schwarz-weißen Mustern, dann mit schwarz-silbernen.

Gleichzeitig muss beim Schuhwerk der umgekehrte Prozess ablaufen: Sind anfänglich reich verzierte Exemplare erlaubt – etwa der rustikal anmutende Full-Brogue, wie ihn die ländliche britische Tradition kennt, so wird mit jedem Schritt nach oben auf der sozialen Stufenleiter die Entfernung vom rustikalen Alltag erkennbar größer, weshalb es keines Schuhwerks mehr bedarf, das offenkundig für feuchten, unsicheren Untergrund geschaffen ist. So wird sich der Arrivierte durch denkbar schlichtes Schuhwerk wie den Plain Oxford abheben, das gänzlich auf die Lochmuster der einfachen Leute verzichtet, die geistig im Sumpf des Alltags hausen und deren Intellekt noch nicht den sicheren Grund sich aus Jahrtausenden speisender Gewissheit erreicht hat. Der Verfeinerung des Anzugs steht also ein immer schlichter werdendes Schuhwerk gegenüber, das verhindert, das das Erscheinungsbild übermäßig dekoriert daherkommt und Zweifel an der mentalen Solidität des Gegenüber weckt.

Gefährlich wäre es allerdings, das Werk hier bereits als abgeschlossen zu betrachten, denn jedes Stilvergehen, das nicht ausdrücklich untersagt wird, würde selbst in einem rigiden Kontext wie im hier beschriebenen Szenario mit erschreckender Zuverlässigkeit begangen.

Daher gilt es auch die Farbe der Socken mit „schwarz“ eindeutig festzulegen, ebenso wie rigide Verbote hinsichtlich des Tragens von Krawattennadeln, -clips und -haltern aller Art unumgänglich sind.

Des weiteren sind leider genaueste Vorschriften vonnöten, was das Tragen von Armbanduhren angeht. Hier gilt zuallererst die Regel, dass Uhren, die den Blick auf sich ziehen, generell verboten sind. Denn Uhren dienen zuvörderst der Information des Trägers und haben sich im übrigen gänzlich dem Erscheinungsbild des Besitzers dezent einzufügen. Uhren, die so markant, insbesondere überproportioniert sind, dass sie vom Gesicht des Trägers ablenken, sind ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass man es mit einer belanglosen Persönlichkeit zu tun hat, die Mangel an eigentlichen Qualitäten durch eindrucksvolle (und zugleich zwangsläufig geschmacklose Accessoires) wettzumachen versucht. Eine Liste erlaubter Zeitmesser oder zumindest ein Leitfaden zur Identifikation derselben ist beim Verfasser erhältlich und wird bei Gelegenheit näher vorgestellt, vielleicht…

Mittwoch, 13. Februar 2008

Apologie der Uniform (Teil 2)


Uniformen sind keine schlechte Sache, erlauben sie doch eine feinabgestufte Distinktion, und damit etwas, was uns die Natur in die Wiege gelegt hat. Um diese Behauptung zu überprüfen, genügt es statt der Kinderstube einzelgängerischer Eisbären-Babies das Mit- und Gegeneinander von Wolfs-Welpen studieren…

Einen wichtigen Aspekt gilt es nach dem bisher Gesagten zu vertiefen und das ist die Frage nach den stilistischen Qualitäten von Uniformen. Denn eine Apologie der Uniform setzt voraus, dass diese Form sozialer Unterscheidung nicht allein unter schnöden Effizienzgesichtspunkten attraktiv ist. Einsicht steht bekanntlich in keinem notwendigen Widerspruch zu Genuss, und wenn denn uniformartige Kleidung schon sachlich betrachtet vorteilhaft ist, so bedeutet dies nicht, dass ihren ästhetischen Qualitäten keine Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse. Denn die Akzeptanz von Uniformen wird - über die bloß sachlichen Vorzüge hinaus - umso größer sein, je mehr kontrollierten Entfaltungsspielraum sie der Eitelkeit – oder sagen wir wertfrei: dem Selbstdarstellungswillen - ihrer Träger zugestehen.

Diesbezüglich scheiden die meisten modernen Militär-Uniformen von vornherein aus der Betrachtung aus, denn abgesehen von Varianten für gesellschaftliche Zwecke, die ohnehin meist aus erlennbar minderwertigen Materialien gearbeitet sind, ist ihr Erscheinungsbild heutzutage von blanken praktischen Erwägungen geprägt. Dies ist selbstredend eine ausgemachte Barbarei, denn der Soldat, von dem man ja im Ernstfall immerhin den Einsatz seines Lebens verlangt, sollte wenigstens das Gefühl haben, dabei - also auch ohne die feine Gesellschaft - eine gute Figur zu machen, die Uniform sollte seine Moral stärken, selbst wenn er auf verlorenem Posten kämpft. Leider ist dieser humane Aspekt in Vergessenheit geraten, seit eine rein technokratische Auffassung von funktionaler Militärkleidung die Oberhand gewonnen hat. Interessanterweise ist diese keine ausschließlich amerikanische Erfindung, wie man vom Erscheinungsbild von US-Soldaten im 2. Weltkrieg vermuten könnte, sondern in letzter Konsequenz eine deutsche. Wie es dazu kam, ist durchaus spannend und aufschlussreich, weshalb es für Menschen mit ausgeprägter Stilorientierung interessant sein kann, sich näher mit dieser entlegenen Thematik zu befassen:

Die Felduniform deutscher Soldaten war lange – bis tief in den zweiten Weltkrieg hinein – eine aus stilistischer Sicht durchaus überzeugend gestaltete, sie war körperbetonend geschnitten mit deutlich taillierten und gegürteten Jacken sowie kräftiger Brustpartie, die durch Schulterklappen markant abgeschlossen wurde. In einer solchen Uniform sah beinahe jeder – ungeachtet persönlicher Merkmale - gut aus, unzählige Bilder selbst tumbester Träger unterstreichen das. Wohlgemerkt ist hier nicht die Rede von irgendwelchen Ausgehuniformen, sondern dem millionenfach produzierten Feldanzug aus Wollfilz, in dem sich trotz vielfältiger funktionaler Nachteile merkwürdigerweise halb Europa erobern ließ, zunächst einmal.

Als jedoch weitere Erfolge ausblieben, ja im Gegenteil allmählicher Rückzug geboten war, verfiel man darauf, die bis dato so überzeugend gestaltete Uniform des deutschen Soldaten zu vereinfachen: Der grün kontrastierende Kragen zur feldgrauen Jacke war bereits 1940 entfallen, doch 1943 vereinfachte man den Schnitt weiter, speziell die aufwendig gearbeiteten Taschen mit Dehnfalten wurden zugunsten primitiver glatter Pendants geopfert. 1944 wurde gar eine verkürzte Uniformjacke eingeführt, die sich an britischen Vorbildern orientierte und nur bis zum Gürtel reichte, damit war der vorteilhafte taillierte Schnitt endgültig passé. Die Neuentwicklung setzte sich zwar nicht mehr in der Breite durch, weshalb auf Frontfotos der Jahre 1944/45 oft ein buntes Sammelsurium an Bekleidung zu sehen ist, das dem Uniformgedanken hohnspricht. Doch es gab daneben eine weitere Entwicklung, die sich bis heute fatal auswirkt und dazu beigetragen hat, dass Militäruniformen, zumindest die für den Kampfeinsatz bestimmten, unter stilistischen Aspekten gänzlich inakzeptabel geworden sind, auch wenn dies Anhänger von Baggy-Pants und Tarnjacken anders sehen mögen.

So wurde in den letzten Kriegsjahren bei der Wehrmacht und vor allem der Waffen-SS, die als Elite-Einheit in der Regel die modernste Ausrüstung erhielt, eine rein funktionelle Bekleidung eingeführt, die jedwedes Formgefühl vermissen ließ, aber in Hinblick auf wirtschaftliche Produktion und hohen Kampfwert ungemein zukunftsweisend war. Die schaurigen Bundeswehr-Uniformen der Gegenwart und die Pendants der US-Armee und ihrer Verbündeten sind in der Tat nicht anderes als die Urenkel der bis 1945 entwickelten ultramodernen Kampfanzüge mit geradem Schnitt, der ohne Gürtel und sonstige figurbetonende Elemente auskommt, sich aber dafür durch ungemein raffinierte Tarnmuster auszeichnet.

Von solchen Uniformen, die den Träger in seiner Körperhaftigkeit und damit als realen Menschen faktisch verschwinden lassen, soll hier nicht weiter die Rede sein. Diese Apologie der Uniform soll ausschließlich einer einheitlichen, Differenzierungen zulassenden und bewusst menschenwürdig gestalteten Bekleidung gelten, wie es sie zumindest zeitweise gegeben hat. Dass nahezu alle Armeen der Welt eine halbwegs gesellschaftsfähige Ausgehuniform kennen, unterstreicht lediglich die Barbarei, die sich in der für den Kampeinsatz bestimmten Felduniform manifestiert. Bei der bis 1943 dominierenden Uniform der Wehrmachtssoldaten dagegen unterscheiden sich Kampfanzug und Ausgehanzug lediglich durch die Feinheit des Tuch, nicht aber durch den Schnitt.

Was man daraus lernen kann? Möglicherweise, dass die Erfolge der lange Zeit so erfolgreichen und zumindest anfänglich auch beim Gegner angesehenen Wehrmacht in dem Augenblick endeten, als man in Bereichen rein industriell zu denken begann, in denen dies kontraproduktiv war. Sicherlich aber kann man daraus lernen, dass die unzweifelhaften Vorzüge von Uniformen am besten zur Geltung kommen, wenn man stilistischen und damit menschlichen Aspekten angemessen Rechnung trägt, selbst wenn dies ökonomisch unsinnig erscheint.

Und für den Alltag im Hier und Jetzt lässt sich daraus ableiten, dass eine auf den ersten Blick uniform daherkommende, aber im Detail elegante und nach Verdienst distinguierende Kleidung eine wichtige Voraussetzung für enthusiastischen Einsatz und überdurchschnittliche Leistung ist. Gut aussehen heißt immer auch, von anderen anerkannt und wohlgefällig aufgenommen zu werden. Wer sicher ist, dass er gut aussieht, der wird auch seinem Gegenüber sicherer gegenübertreten, wer überlegene zivilisatorische Kräfte auf seiner Seite weiß, der wird auch am Ende erfolgreich sein.

Eine gutgeschnittene Uniform stärkt somit die Moral, und sie stärkt die Bereitschaft, dasjenige, wofür man kämpft, als überlegen anzuerkennen. Das ist die überzeitliche Erkenntnis, sie gilt im Kampf der Völker und Systeme genauso wie im Wettbewerb von Unternehmen und Geschäftsmodellen. Wer weiß, vielleicht wird ein solchermaßen verstandenes Uniformprinzip irgendwann wieder zum Erfolgsgeheimnis. Stilbewusste Zeitgenossen können diese Erkenntnis aber schon heute umsetzen, indem sie Kleidung tragen, die im besten Sinne Uniformcharakter hat…

Samstag, 19. Januar 2008

Apologie der Uniform (Teil 1)

Nach umständlichen Vorreden und abschweifenden Ausführungen soll heute unsere Aufmerksamkeit dem Lob der Uniform gelten. Doch halt: Uniform, ist das nicht etwas Verwerfliches, was den Einzelnen seiner Individualität beraubt, etwas, das ihn zum austauschbaren Objekt macht, wo es doch Subjekt sein sollte?

Weit gefehlt, denn was gemeinhin als Individualität verstanden wird, ist ohnehin bloße Äußerlichkeit, nicht dagegen echte charakterliche Eigenart. Viel zu billig ist es, sich mit Merkmalen wie Schmuck, Frisur, Tätowierungen und – horribile dictu – Piercings den Anschein von Individualität zu geben. Viel zu einfach ist es, durch farbliche Akzente, eigenwillige Schnitte und modische Varianten einer an sich uniform gemeinten Kleidung etwas vermeintlich Individuelles zu geben, was am Ende lediglich Auskunft über die Beeinflussbarkeit des Einzelnen durch eine hocheffiziente Industrie gibt.

Wahre Individualität wird gerade und erst in der Uniform deutlich. Denn sie schaltet die Möglichkeit aus, sich nach eigenem Gusto über banale Äußerlichkeit zu differenzieren. Sie bringt alle auf dasselbe Ausgangsniveau, von dem aus man sich, im Rahmen strenger Vorgaben, weiterentwickeln kann, von wo aus man sich in einer Weise hervortun kann, die tatsächlich spezifische Leistung widerspiegelt. Denn es wäre naiv zu glauben, die Uniform schalte zwangsläufig alle gleich, verleugne gerade das Persönliche, mache den Einzelnen zur Verfügungsmasse.

Das Gegenteil ist – idealerweise - der Fall: Die Uniform macht einen zu dem unbeschriebenen Blatt, als das jeder – unabhängig von Herkunft, Bildung und Vermögen – zu beginnen hat. Umgeben von äußerlich einem selbst Gleichenden, liegt es nun am Einzelnen, sich nach von Dritten festgelegten Kriterien zu differenzieren. Hierzu genügt es nicht, sich äußerlich nach Lust und Laune anders zu geben, sondern umgekehrt wird die den Durchschnitt übersteigende Leistung zur Voraussetzung, sich auch im Erscheinungsbild auszeichnen zu dürfen. Die Uniform ist - so verstanden - nämlich gar nicht uniform, sondern lediglich die einheitliche Grundlage (meist mit einem Mindestanspruch an angemessener Ausstrahlung), auf der man individuelle Fähigkeiten und Verdienste deutlich machen kann.

Der Frontkämpfer, der sich im Nahkampf furchtlos gezeigt hat, kann dies ebenso durch entsprechende, markante Auszeichnungen kundtun wie der Offizier, dessen mühselig erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten im feineren Tuch seiner Uniform, den Schulterklappen, Stiefeln und einem insgesamt repräsentativeren Habitus deutlich werden. Der mannigfaltigen Gefahren ausgesetzte Flieger wird sich – selbst bei niederem Dienstrang - selbstverständlich vom bequemen Luftwaffen-Versorgungsoffizier unterscheiden, der zwar formell den höheren Rang hat, aber im Ansehen der Menge den kürzeren zieht, dafür sorgen schon die Schwingen auf den Kragenspiegeln des Fliegers.

Uniform zu tragen bedeutet dann gerade nicht, austauschbar zu werden, sondern sich einem anspruchsvollen und hochdifferenzierten Konzept zu unterwerfen, das persönliche - und zugleich allgemein anerkannte - Qualitäten auf genau bestimmte Weise augenfällig werden lässt. Es obliegt dann nicht dem Einzelnen, sich selbst zu beurteilen – weil sich jeder im Zweifelsfall für großartig hält - sondern es ist dem Umfeld, in dem sich der Einzelne zu bewähren hat, zu überlassen, die individuelle Leistung anzuerkennen.

Der Kenner eines solchen Systems weiß auf einen Blick, was er von einem ihm fremden Gegenüber erwarten kann, das eine Uniform mit bestimmten individuellen Merkmalen trägt. So steht die feldgraue Uniform für den Heeressoldaten, das feine Tuch, die silbernen Knöpfe und die Silberlitze um die Schulterklappen weisen auf den Offiziersrang hin, das Eiserne Kreuz, das Infanteriesturmabzeichen und das Verwundetenabzeichen stehen für Führung und Bewährung im harten direkten Einsatz zusammen mit den Mannschaftsdienstgraden. Mit so einem ist fast alles möglich, wohingegen der Träger der makellosen blauen Luftwaffenuniform ohne weitere Differenzierungen selbst bei hohem Dienstgrad eher zur Skepsis Anlass gibt.

Ganz anders dagegen sein formal Untergebener, der mit selbstbeschaffter Lederjacke und Ritterkreuz um den Hals sofort erkennen lässt, dass er der Jagdfliegerelite angehört, der man unausgesprochen viel Gestaltungsspielraum lässt. Denn wer im Einsatz als absoluter Könner mit ganz eigenem Stil erfolgreich ist, der soll dies auch dann zeigen dürfen, wenn eigentlich formal korrektes Auftreten gefragt ist.

Und damit wären wir bei jenem Phänomen, von dem schon an anderer Stelle kurz die Rede war, der offiziell geduldeten Freizügigkeit im Auftreten der deutschen Kampfflieger des 2. Weltkriegs. Hier wird deutlich, zu welcher Verfeinerung das Uniform-Konzept getrieben werden kann, wenn es intellektuell durchdrungen wird und nicht im Sinne Maos als Vorschrift zur Auslöschung jedweder Invidualität verstanden wird. Die besten Piloten der deutschen Luftwaffe mussten natürlich bestimmte Vorgaben einhalten, was die Zugehörigkeit zur Truppengattung und die Erkennbarkeit des Dienstgrads betraf. Aber ihnen wurde, ohne dass es eine entsprechende Vorschrift gab, zugestanden, Teile ihrer Uniform nach eigenem Gusto zu gestalten und das betraf vor allem die Fliegerjacken. Diese wurden ausschließlich privat beschafft, sie orientierten sich an sportlichen Schnitten, wie man sie von Motorradfahrern der Vorkriegszeit kannte, sie waren also kurz gehalten, lagen eng an, was im Cockpit von Vorteil war, aber im Detail war jede ein Einzelstück.

Und wer es fertigbrachte, einen Gegner zur Landung zu zwingen und ihn persönlich gefangenzunehmen, der sicherte sich kurzerhand die A-2 Lederjacke des unterlegenen US-Piloten oder die Irvin-Jacke des britischen Jagdfliegers und trug sie fortan - mit deutschen Dienstgradabzeichen im Einsatz. Und so sieht man auf Fotos deutscher Luftwaffenasse der Kriegszeit ein buntes Sammelsurium an individuellen Jacken, so wie auch die Maschinen hochgradig individualisiert waren. Während die Royal Air Force und die USAAF im Krieg einheitliche Jacken an Jagdflieger und Bomberpersonal ausgaben, stilistisch eher mäßig gelungene Massenware, die bis heute bis merkwürdigerweise begeistert kopiert wird, trug ausgerechnet die Elite der deutschen Luftwaffe durchweg Einzelstücke, die ein entsprechend ausgeprägtes Stilgefühl und Selbstbewusstsein erkennen lassen.

Was man davon lernen kann? Nun vor allem eines: Individualität zu zeigen muss nicht heißen, zwanghaft alles anders zu machen, vor allem dann nicht, wenn man nicht die Persönlichkeit und das Charisma hat, die solches überzeugend wirken lässt. Individualität zu zeigen setzt zunächst voraus, die eigenen Qualitäten realistisch einzuschätzen - dazu bedarf es der Anerkennung Dritter - und sich dann angemessen - durchaus subtil - erkennbar abzuheben. Wer kein As ist, sollte sich auch nicht als solches zu verkaufen suchen. Ein noch so bewährter Transportflieger hätte sich im Krieg lächerlich gemacht, wenn er eine lederne Motorradjacke wie die Elite der Jagdflieger getragen hätte, ebenso wie sich heute der Abteilungsleiter lächerlich macht, der sich kleidet wie ein Geschäftsführer. Übrigens machen sich auch die meisten Geschäftsführer lächerlich, wenn sie sich als solche kleiden, anstatt dass sie ihren herausgehobenen Status dazu nutzen, eine angemessene und stilsichere Exzentrizität an den Tag zu legen.

Das wussten die Jagdflieger von einst besser, sie kämpften zwar auf verlorenem Posten und für das falsche System, aber sie taten es stets mit höchstem persönlichen Einsatz, meist mit Anstand und sehr oft mit Stil. Die Überflieger von heute lassen letzteres oft genug vermissen, und das System, in dem sie tätig sind, ist für sie leider oft genug auch nur die Folie, auf die sie hoffen, ihren belanglosen Lebenslauf mit Permanentmarker schreiben zu können. Zum Glück gelingt es den meisten nicht, ihre Spuren sind schnell wieder verwischt.

Und daher sind die Weltkriegs-Piloten mit Format wie Adolf Galland, Hans-Joachim Marseille oder Heinz-Werner Schnaufer, die einer absoluten Elite angehörten und sich dafür die Freiheit nahmen, den offiziellen Dresscode ein klein wenig anders zu interpretieren, daher sind solche Charaktere auch heute noch Idole und Stilikonen, während die selbsternannten Heroen unseres Alltags rasch dem verdienten Vergessen anheim fallen und es nicht einmal – wie andere Schauspieler - zuwege bringen, dass man ein After-Shave nach ihnen benennt…

Donnerstag, 8. November 2007

Von Schals und Uniformen

Was ist das für ein hübscher Kerl? Sieht flott aus, nicht wahr? Aber eins nach dem anderen, zu diesem Herrn kommen wir noch früh genug, falls nichts dazwischen kommt… Tja, allmählich gilt es der Tatsache ins Auge zu schauen, dass uns auch der Herbst, der durchaus seine prachtvollen Seiten hatte, schnöde verlässt und das Feld einem gänzlich unerwünschten Rivalen räumt, dem grausamen germanischen Winter. Selbst glühende Anhänger einiger seiner wenigen verdienstvollen Eigenschaften – so zeigt er mitunter eine erstaunliche Kunstfertigkeit darin, die Welt in ein gänzlich überirdisches Märchenland zu verwandeln, auch weiß er zu mancher temperaturfördernden Tätigkeit anzuregen, zum Keksebacken etwa – selbst die verblendeten Jünger dieses großen Demagogen also werden zugeben müssen, dass der Winter hierzulande sich in der Regel auf ganz widerwärtige und rohe Weise aufführt und seine unzweifelhaften Talente nur allzu sparsam einsetzt. Nicht genug damit, dass er uns nach Wärme und Licht hungernden Kreaturen kurz hält und selbst seine schneeblinden Verehrer stets aus Neue zu enttäuschen weiß. Nein, er hat auch noch die scheußliche Angewohnheit, manchen ohnehin bereits anfälligen Zeitgenossen zu modischem Unfug anzustiften.

Zu nennen, nein anzuprangern wäre hier die seit neuestem grassierende Sitte, dass sich körperlich gesunde Männer in vollwertigem Business-Outfit statt einer Krawatte einen groben Wollschal um den Hals schlingen. Und das geschieht, so bin ich inzwischen überzeugt, auch noch in der entschiedenen Absicht, hierbei modisches Bewusstsein an den Tag zu legen. Anders ist kaum zu erklären, dass sich diese Schals alle so verteufelt ähnlich sehen. Bislang konnte ich zwei Phänotypen identifizieren, will aber nicht ausschließen, dass die Familie dieser wollenen Ungeheuer noch Zuwachs erhält.

Der eine, noch vergleichsweise tolerable Typus ist der des grob gestrickten, grauen oder schwarzen Kurzschals, der gerade ausreichend lang ist, um beide Enden durch das zur Schlaufe gelegte Mittelteil zu ziehen. Nun ist gegen eine solche Vorkehrung gegen Feindeskälte nichts einzuwenden, aber was, bitteschön, soll dieses sibirisch anmutende Accessoire bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt? Und vor allem fragt sich, was diese feinen Herren mit den zarten Hälsen zu unternehmen gedenken, wenn es sich der Winter einmal anders überlegt und mit zehn bis fünfzehn Minusgraden daherkommt, wie das noch in den 1980er Jahren – kurz vor der Erfindung der Klimakatastrophe – durchaus vorkam? Bleiben wir dann zuhause? Nun ja, vermutlich, die moderne Technik macht es ja möglich, selbst aus irgendwelchen Wellness-Oasen heraus zu arbeiten, die doch der Entspannung dienen sollen (aber vermutlich aufgrund ganz und gar widernatürlicher Aufmachung diesem Zweck zuwiderlaufen müssen).

Doch nicht abgeschweift! Denn es gilt ja nun den zweiten, weit gefährlicheren Vertreter der Familie des gemeinen Investmentbanker-Schals dingfest zu machen. Es handelt sich um einen - und hier verhakt sich doch tatsächlich ganz ungläubig die Tastatur – es handelt sich um ein längsgestreiftes Exemplar! Oh nein, die Rede ist nicht von dezent grauen Streifen auf schwarzem Grund, oder noch besser tiefschwarzen Streifen auf unmerklich davon abgesetztem schwarzen Untergrund. Das wäre ja gerade noch hinnehmbar – abgesehen von der grundsätzlichen Unangemessenheit bei Plusgraden! Nein, das Hinterhältige ist die radikale, ja geradezu aufrührerische Buntheit, mit der diese Exemplare daherkommen. Sie vereinen auf engstem Raum, was allenfalls weit entfernt voneinander oder nur paarweise oder überhaupt nicht gedeihen kann: rote und blaue und grüne und gelbe Streifen, gewiss auch orangefarbene, lila- und rosafarbene, genau kann ich es nicht sagen, weil mein Sehzentrum regelmäßig mit einem veritablem Systemabsturz reagierte, sobald es mit dieser Bilderflut konfrontiert wurde.

Was ist davon zu halten? Ist es ein geheimer Code, den nur Eingeweihte verstehen, nach dem Vorbild der Strichmuster, die im Supermarkt der analphabetischen Kasachin das Kassieren ermöglichen? Oder ist es analog zu den Regimentskrawatten britischer Veteranen ein Symbol der Zusammengehörigkeit alternder Waldorfschüler nach dem Motto: „Auch ich habe die eurythmischen Malübungen überlebt, trage aber immer noch schwer daran und muss nun zum Ausgleich in psychedelisch anmutenden Präsentationen schwelgen, in denen ich den Mehrwert schillernder Methoden zur Unternehmensführung beschwöre.“?

Ich bin mir nicht sicher. Denn weitere Assoziationen stürmen auf mich ein. Benutzte nicht der Besitzer jenes 80 Jahre alten und putzmunteren Tatra-Tourers, den ich kürzlich kennengelernt habe, genauso einen bunt gestreiften Wollumpen, um das bei Verlustschmierung unvermeidlich im Motorraum herumvagabundierende Motoröl abzuwischen? Und benutzten wir beim Militär nicht ebensolche bunten langen Putzlappen, um nach Schießübungen liebevoll die Kanonenrohre unserer Panzer durchzuziehen? Allerdings trugen wir selbige anschließend nicht um den Hals gewickelt zurück in die Kaserne, sondern entsorgten sie ordnungsgemäß in dafür vorgesehenen Abfallbehältnissen. Und da sage noch jemand, beim Militär lerne man nichts fürs Leben! Ich bin sicher, all diese Träger buntgestreifter Schals sind Wehrdienstverweigerer oder sie haben bei der Luftwaffe gedient, was heutzutage fast auf das Gleiche hinausläuft, sonst würden sie es nicht wagen, sich dergleichen um den Hals zu wickeln, denn stets würde ihnen die Erinnerung einen Streich spielen und sie würden den merkwürdigen kalten Geruch nach Pulverdampf und Öl riechen, der sich bei jedem festgesetzt hat, der jemals großkalibrige Schusswaffen mit dergleichen Schals, ich meine Lumpen, gereinigt hat…

Damit nähern wir uns allmählich jenem jungen Burschen, der einem oben so selbstgewiss entgegenstrahlt. Denn er gehörte einer Fraktion an, der das Tragen von Schals bei allen Temperaturen nicht nur erlaubt war, sondern bei der ein Schal gewissermaßen Standesabzeichen war. Allerdings musste dieser weiß und aus Seide sein! Und das hatte Stil, denn dieser Schal kontrastierte auf das Prächtigste mit einer denkbar funktionellen und zugleich ungemein wirkungsvollen Kleidung – zu der wir später kommen werden.

Die Rede ist von den Kampffliegern des 2. Weltkriegs, vor allem von denen auf deutscher Seite. Dies nicht aus Patriotismus (höchstens ein klein bisschen, denn die härteren Burschen waren sie rein nach Einsatz- und Abschusszahlen schon - das sehen sogar die Briten so, und die verstehen etwas davon ), sondern vor allem, weil ausgerechnet bei der Bekleidung in der deutschen Luftwaffe mehr individueller Stil erlaubt war als bei den alliierten Gegnern. Wer hätte das gedacht? Ja, die Geschichte ist voller faszinierender Facetten, schillernder Details, mit denen man nicht rechnet.

Die stilvollen Seiten der Kleidung der deutschen Kampfflieger auf deutscher Seite im 2. Weltkrieg erfordern allerdings einen eigenen Beitrag, etwas Spannung muss sein! Nur der hübsche Bursche auf dem Bild ganz oben verdient heute noch eine kurze Würdigung, denn er ist wahrhaft eine schillernde und sympathische Persönlichkeit. Das beginnt mit seinem Geburtstag, dem 16. Februar, seinem Geburtsort, nämlich Calw, wo auch ein Hermann Hesse herstammt, und das geht weiter damit, dass er sein Abitur mit 17 und mit Auszeichnung absolvierte. Dann, das war 1939, ging er als Offiziersanwärter zur Deutschen Luftwaffe, wie so viele voller Enthusiasmus für das wiedererstarkte Deutschland. Nach zwei Jahren Ausbildung auf allen möglichen Flugzeugtypen wurde er Leutnant und es wurde ernst, sehr ernst. Denn man hatte ihn für geeignet erachtet, in einer der schwierigsten Disziplinen des Luftkampfs tätig zu werden, der Nachtjagd!

Nachtjagd, das hieß in vollkommener Dunkelheit zu fliegen, sich gänzlich auf seine Instrumente und das noch primitive Radar zu verlassen und wenn man sich dem Gegner – den viele hundert Maschinen umfassenden englischen Bomberströmen, die vorzugsweise nachts angriffen – näherte, mit überlegener Nachtsichtfähigkeit und Intuition in das Getümmel zu stürzen und – meist von hinten – bis an die Zähne bewaffnete gegnerische Bomber abzuschießen, sofern man durch ihr Abwehrfeuer nah genug an sie heran gelangte…

Unser junger Held war von diesen Nachtjägern der erfolgreichste, weit über 100 Abschüsse gingen auf sein Konto, und innerhalb kurzer Zeit brachte er das dafür übliche Lametta nach Hause: Eisernes Kreuz, Ritterkreuz, Goldenes Kreuz etc. Mit 22 Jahren (sic!) vertraute man ihm als Kommodore ein komplettes Geschwader aus Messerschmitt ME-110 Nachtjägern an, das waren 30 bis 40 Maschinen und weit über 100 Mann Personal. Die Erfolge des jungen Kommodore und seines Geschwaders bereiteten dem englischen Bomberkommando erhebliches Kopfzerbrechen. Man setzte hochdekorierte Jagdflieger auf ihn an - ihn, der auch nach Vorstellung modernerer Maschinen an seiner veralteten, aber vertrauten Messerschmitt festhielt. Vergeblich, der Mann war nicht zu bekommen und brachte der Bomberflotte des Vereinten Königreichs Nacht für Nacht empfindliche Verluste bei. In einer Woche 20 abgeschossene Bomber, allein durch ihn, das war Rekord und das tat weh. Man mag denken was man will, aber wenn es eine ehrenhafte Tätigkeit für einen deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg gab, dann war es wohl das Abschießen englischer Bomber, die sich im Unterschied zur U.S. Air Force auf zivile Ziele konzentrierten. Genau das tat unser junger Freund, der dadurch den Krieg gewiss nicht verlängert hat, und er tat es gründlich. So gründlich, dass man ihm auf englischer Seite schließlich den Respekt zollte, zu dem wohl nur Briten mit Sportsgeist befähigt sind: Am 16.2.1945 nämlich, seinem 23. Geburtstag, drei Monate vor Kriegsende, strahlte die BBC ein Orchesterstück aus mit dem Titel „The Night Ghost, The Night Ghost, He Haunts Our Castle'.

Denn das war sein Spitzname auf englischer Seite: „Das Nachtgespenst“. Sein Name war - kurios, nicht wahr? - Heinz-Wolfgang Schnaufer. Er überlebte den Krieg, stellte sich Ende April 1945 mit seinem kompletten Geschwader den Briten und ging für einige Monate in eine eher wohlwollende Gefangenschaft. Seine Messerschmitt Me-110 wurde als erfolgreichster Nachtjäger des Kriegs in London ausgestellt und steht noch heute im Imperial War Museum. 1950, mit 28 Jahren, starb Heinz-Wolfgang Schnaufer auf einer Geschäftsreise im Bordeaux an den Folgen eines unverschuldeten Verkehrsunfalls...

Was für eine Verschwendung von Menschenleben - oder um es mit Shakespeare zu sagen: “Like flies to wanton boys are we to the gods; they kill us for their sport.”

Dienstag, 2. Oktober 2007

Kurzärmlige Hemden - ein Sommernachtsalptraum

Nun verlässt er uns wieder, der Sommer, der kaum jemals richtig mit uns warm geworden war. Könnte das daran gelegen haben, dass er sich nicht so recht hervorgetraut hat, weil er befürchten musste, von schlichten Naturen wiederum mit unangebrachter Freizügigkeit begrüßt und gefeiert zu werden?

Egal, was er sich dabei gedacht hat, genutzt hat es wenig, wenn man sich der Penetranz erinnert, mit der auch in diesem Jahr manche modische Geschmacklosigkeit ausgeführt und ihr abscheulicher Anblick dem Entspannung suchenden Flaneur in unverschämter Manier aufgenötigt wurde.

Die Rede soll sein - ich zögere einen Moment, soll ich es wirklich erwähnen? – nun, von der Zumutung des kurzärmligen Oberhemds und - implizit von der Zumutung unbekleideter weiblicher Beine, für die das Folgende sinngemäß gilt. Das kurzärmlige Oberhemd ist, sagen wir es rundheraus, eine Perversion übelster Sorte, oder sagen wir es in gebildeterem Ton: ein Verstoß gegen einen unausgesprochen geltenden ästhetischen Kanon.

Wer hier bereits Schwierigkeiten bekommt zu folgen, dem sei wie folgt auf die Sprünge geholfen: Das Oberhemd des Mannes dient dem Zweck, seinen Oberkörper auf eine Weise zu bedecken, die alle persönlichen und meist fragwürdigen physischen Merkmale kaschiert (nein, Herr Neureich, es heißt keineswegs cachiert, das wäre im Deutschen keine korrekte Wortbildung).

Indem das Oberhemd individuelle Details wie Körperbehaarung, Hautbeschaffenheit und Muskelbildung unkenntlich macht, lenkt es den Blick auf Gesicht und Mimik des Trägers und gibt jenem die Chance, jenseits aller archaisch wirksamen Merkmale einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Im Idealfall gelingt es dem Träger des Oberhemds also, auf das Gegenüber allein mit seinen Augen und dem das Gesagte unterstützenden Ausdruck seines Mundes einzuwirken. Nur das Lesen geschriebener Worte könnte einen neutraleren und von evolutorischem Ballast gänzlich freien Eindruck ermöglichen.

Indes, wer in beruflichem Umfeld die Ärmel des Oberhemds glaubt kürzen oder gar den Kragen zu öffnen zu dürfen, raubt dem Kleidungsstück mit einem Mal seine Wirkung, ja, ich behaupte, er vernichtet es, weshalb ein Oberhemd mit kurzen Ärmeln genauso wenig eines ist wie eine kurze Hose eine lange Hose sein kann.

Denn das sogenannte kurzärmlige Oberhemd erlaubt den Blick genau auf diejenigen Körperpartien, deren Bedeckung doch seine vornehmste Aufgabe ist: die meist tierisch behaarten Unterarme und von mangelnder Pflege zeugenden schrundigen Ellenbogen. Ergo ist es kein Oberhemd, sondern ein unvollkommener und unerwünschter Zustand, der grobes Unverständnis seines Trägers ob der Bestimmung des Kleidungsstücks erkennen lässt. Wer ein Oberhemd ohne lange Ärmel immer noch für ein Oberhemd hält, der müsste auch ein gänzlich ärmelloses Hemd, also das in proletarischen Kreisen als Unterhemd bevorzugte Kleidungsstück, ebenso als Oberhemd betrachten.

Um dergleichen anarchistischen Tendenzen entgegenzuwirken, erscheint es dringend geboten, auch bei sommerlichen Temperaturen konsequent am Archetypus des Oberhemds festzuhalten, so wie es – noch - selbstverständlich ist, im für meine Begriffe unnötig frigid daherkommenden germanischen Sommer, geschlossene Schuhe zu tragen, obwohl Sandalen doch weit luftiger und gewiss auch weniger zwangausübend erscheinen.

Und ebensowenig wird ein Mann, der die soziale Funktion von Kleidung intellektuell durchdrungen hat, auf die Idee kommen, die von kindischen Naturen hierzulande als Hitze empfundenen gemäßigten sommerlichen Temperaturen zum Anlass zu nehmen, die Krawatte zu lockern oder gar ganz abzulegen. Denn wenn dies angemessen wäre, dann wäre jedwede Form der Entkleidung bis hin zu neandertalesken Verhältnissen je nach klimatischen Gegebenheiten erlaubt. Und wer wollte diesen Rückschritt ernsthaft wollen?

Wer also darüber nachdenkt, welche Aufgabe formelle Kleidung im öffentlichen Raum – und genau dort bewegen wir uns die überwiegende Zeit des Tages – erfüllt, nämlich den engen Kontakt mit anderen Individuen erträglich und im besten Fall angenehm zu gestalten, der wird die Strenge begrüßen, mit der diese Kleidung physische Merkmale und ihre oft unerwünschte Wirkung in den Hintergrund treten lässt. Und mehr noch: Wer sich der Möglichkeiten formeller Kleidung bewusst ist, wird im Rahmen des allgemein Akzeptierten, weil keinerlei Anstoß Erregenden, ganz neue Möglichkeiten entdecken, individuelle physische Gegebenheiten doch wieder auf kultivierte und damit angenehm gestaltete Weise zu betonen. Und hier ist nicht die Rede von breiten Schulterpolstern bei zu klein geratenen – und damit nur zum Buchhalter oder Diktator geeigneten – Männern.

Vielmehr eröffnet geschickt ausgewählte formelle Kleidung - von hellsichtigen und unvoreingenommenen Naturen auch als Uniform bezeichnet - die Chance, sich auf äußerst ansehnliche Weise von anderen abzugrenzen, etwa durch gezielte Wahl tailliert geschnittener Anzüge, Verzicht auf Bundfalten und Wahl schmaler Krawatten. Wobei es auch hier wie in allen Belangen auf das „Ne quid nimis – Nichts im Übermaß“ ankommt. Denn in der Übertreibung auch des Gutgedachten, Gutgemeinten, Gutgemachten liegt der Keim der Zerstörung und damit der Degeneration, auf gut deutsch „Entartung“.

Und daher Gentlemen, lasst uns an dem festhalten, und lasst uns auf immer neue Weise das leben und interpretieren, was sich als gute, weil im besten Sinne zweckmäßige Form bewährt hat. Was seit rund 100 Jahren Bestand hat in der Männermode, kann so verkehrt nicht sein, hat es sich doch in einer Zeit ungeheurer Umbrüche behauptet. Und warum sollte man diesen Konsens aufkündigen, bloß weil es nach den dreisten Behauptungen nach Forschungsgeldern gierender, verklemmter Naturwissenschaftler möglicherweise, möglicherweise aber auch nicht, im 21. Jh. zu einem erneuten Klimaoptimum wie im 2. oder 12. Jh. n. Chr. kommen sollte. No, we keep our collars closed, come what may!